Was Produkte wirklich cool macht – Psychologische Produktgestaltung – Die große Bedürfnisreihe Teil 4: Autonomie

Posted on Posted in Die große Bedürfnisreihe

Nachdem ich bereits über zwei Bedürfnisse berichtet habe, die relevant in der psychologischen Produktgestaltung sind (Teil 2: Status und Teil 3: Kompetenz), soll heute ein weiteres wichtiges Bedürfnis beschrieben werden. Im heutigen Beitrag zu unserer großen Bedürfnisreihe wird es um Selbstbestimmung gehen, sprich: Autonomie.

Worum geht es überhaupt?

Autonomie, da denkt man spontan an: Eigenständigkeit, Unabhängigkeit, Mündigkeit, Selbstbewusstsein, Freiheit, vielleicht auch Vernunft. So in etwa definiert es auch der Duden:

Autonomie, die; Substantiv, feminin 1. (bildungssprachlich) Unabhängigkeit, Selbstständigkeit 2. (Philosophie) Willensfreiheit

Zu Beginn eines jeden menschlichen Lebens dominiert die Abhängigkeit. Eigenständigkeit entwickelt sich erst im Laufe der Zeit gemeinsam mit einem Bewusstsein über das Selbst, über das eigene Können und über den eigenen Willen.

Woher kommt das Bedürfnis nach Autonomie und hat es jeder?

Achtung, sehr theoretisch: Der Grad an Autonomie, die sich in der Entwicklung eines jeden Kindes ergibt, hängt von der Erziehung ab. Diese wird dabei jedoch am gesellschaftlichen Kontext bemessen („Autonomie und Verbundenheit im kulturellen vergleich von Sozialisationsbedingungen“ von G. Trommsdorff, 1999). Kinder in westlichen Ländern werden früh dazu ermutigt „ich“-Sätze zu formulieren, in östlichen Ländern werden „ich“-Sätze vermieden. Deutschen Kindern wird beispielsweise ebenfalls beigebracht sich in der Schule zu Wort zu melden, wobei von Kindern einiger asiatischer Kulturen keine individuelle Beteiligung am Unterricht gewünscht ist. Die elterliche und institutionelle Erziehung sozialisiert Kinder im Kontext der kulturellen Umgebung. Kurz: wir werden alle als Kinder sehr stark durch unsere Kultur geprägt und das wirkt sich natürlich auf uns, als Erwachsene, aus.

Was schließen wir daraus, dass Autonomie unterschiedlich stark anerzogen wird?

Man könnte also meinen, dass das Bedürfnis nach Autonomie in Ländern, in denen sie nicht so sehr gefördert wird, wie in unseren westlichen Ländern, keinen so großen Stellenwert hat. In einem Ranking der wichtigsten psychologischen Grundbedürfnisse jedoch ist das Bedürfnis nach Autonomie auch in kollektivistischen Ländern unter den Top 3! In westlichen Ländern – wie sollte es auch anders sein – landet das Autonomiebedürfnis auf dem ersten Platz („What is satisfying about satisfying events?“ von Sheldon, Elliott, Kim & Kasser, 2001). Trotz fundamentaler Kulturunterschiede scheint also das Bedürfnis nach Autonomie ein global gültiges und sehr wichtiges zu sein.

Was möchte ich Ihnen nun damit sagen?

Die Erkenntnis, dass es menschliche Bedürfnisse gibt, die so grundlegend sind, dass sie kultur- und (übrigens auch) geschlechterunabhängig sind, ist wichtig in der psychologischen Produktgestaltung.

Warum?

Mithilfe dieser Erkenntnisse können Produkte entwickelt werden, die diesen grundlegenden Bedürfnissen (wirklich jeder Mensch dieser Erde hat diese Bedürfnisse) entsprechen. Bei der Produktentwicklung auf das Bedürfnis nach Autonomie einzugehen, ist also, besonders auf dem westlichen Markt (aber eben nicht nur da!), essentiell, um Nutzer wirklich glücklich zu machen.

Vielen Dank für diese Informationen. Diese ganzen theoretischen Hintergründe sind ja ganz nett zu wissen. Aber wann spielt denn Autonomie nun eine Rolle in der Interaktion mit Produkten?

In der Interaktion mit Produkten wird das Autonomiebedürfnis sehr oft eingeschränkt. Beispielsweise werden zu Beginn der Nutzung von Apps häufig Tutorials eingesetzt, die erklären sollen, wie man das System nutzen kann oder soll. Wie viele meiner Generation klicke ich mich lieber selber durch und probiere aus. Es ärgert mich darum sehr, wenn mir nicht die Möglichkeit gegeben wird zu entscheiden, ob ich ein Tutorial ansehen möchte oder nicht. Das ist ein klassisches Beispiel für die Einschränkung der autonomen und eigenständigen Nutzung eines Produkts. Grundsätzlich sollte dem Nutzer die Möglichkeit gegeben werden, die Interaktion zu jedem Zeitpunkt zu beenden oder zu unterbrechen.

Das Bedürfnis nach Eigenständigkeit, Willensfreiheit und Unabhängigkeit, also Autonomie, mit einem Produkt zu unterstützen, ist keine einfache Aufgabe. Das gebe ich gerne zu. Die Art und Weise hängt immer sehr vom Produkt ab. Dennoch möchte ich Sie nicht ohne ein positives Beispiel, wie Autonomie in einem Produkt unterstützt werden kann, zurücklassen. Stellen Sie sich das gleiche Produkt von oben vor: Sie verwenden es zum ersten Mal und es gibt ein Tutorial. Die einfachste (und am wenigstens ausgefeilte) Weise das Bedürfnis nach Autonomie zu berücksichtigen, wäre eine Möglichkeit vorzusehen, wie der Nutzer das Tutorial schließen kann. Damit wäre es schon möglich, negative Gefühle zu vermeiden. Wenn Sie positive Gefühle unterstützen wollen, dann gehen Sie einen Schritt weiter: Fragen Sie den Nutzer, über welchen Bereiche er mehr erfahren möchte und lassen Sie ihn den relevanten Teil des Tutorials (oder eben kein Tutorial) selbst auswählen. Immer da, wo Sie dem Nutzer Unterstützung anbieten, kommt es also darauf an, diese so zu gestalten, dass der Nutzer Ihr Tutorial, Ihren Dialog, Ihre Software als Angebot wahrnimmt und nicht als Bevormundung.

Mein Beitrag heute soll Inspiration sein –  für die Gestaltung neuer und Umgestaltung alter Produkte. Dabei mit Ihren Nutzern zu sprechen und herauszufinden, wie Sie das Bedürfnis nach Autonomie mit Ihrem Produkt unterstützen können, ist die direkteste Art und Weise herauszufinden, wie das im Falle Ihres Produkts funktionieren kann. Methoden, wie man am besten mit seinen Nutzern sprechen kann, um verschiedene Bedürfnisse zu erfüllen, finden Sie in unserem Methodenassistenten auf unserer Webseite. Dort bekommen Sie Hilfe und Inspiration zur mensch-zentrierten Entwicklung. Ich wünsche Ihnen viel Spaß und Erfolg beim Entdecken und Ausprobieren!

Im nächsten Beitrag wird es um das Thema „Verbundenheit“ gehen.

Übersicht über die Reihe:
Teil 1: Einführung
Teil 2: Status
Teil 3: Kompetenz
Teil 4: Autonomie
Teil 5: Verbundenheit

Bildquelle: esthermm / Fotolia.com

Gerne dürfen Sie unsere Neuigkeiten teilen:
Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInEmail this to someone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.