World Usability Day 2017 in Darmstadt

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Auch in der Digitalstadt Darmstadt durfte natürlich eine Veranstaltung zum World Usability Day (WUD) nicht fehlen. Denn das ist laut Prof. Dr. Ralph Bruder „der eine Tag im Jahr, an dem man der Technik die Schuld geben darf“, während man die anderen 364 Tage die Fehler bei sich suche. Diese und viele weitere treffende Aussagen zeigten an einem besonderen Tag für Usability-Interessierte, welche große Bedeutung das Thema mittlerweile in unserer Gesellschaft einnimmt. Angeregte Gespräche, ein reger Austausch und einige Fragen aus dem Publikum verdeutlichten auch das Interesse der Besucher. So war das nicht irgendeine einseitige und langweilige Vortragsveranstaltung. Sogar die Redner konnten für sich einen Mehrwert darin sehen und fanden es sehr spannend.

Ausgerichtet wurde der Abend von der Fachgruppe „Usability und User Experience“ von IT for Work e.V. Die IHK stellte nicht nur Ihre Räumlichkeiten in Darmstadt zur Verfügung, sondern unterstützte auch bei der Organisation und steuerte mit Thomas Niemann, Stellvertretender Leiter von Hessen innovativ, noch einen Experten für die Podiumsdiskussion des Abends bei.

 

„Wenn ein Roboter an den Tisch kommt und Ihnen sagt, Sie müssen gehen, dann gehen Sie auch“ – Dr. Prof. Ralph Bruder über Akzeptanz und Mensch-Maschine Beziehungen

Diese spannende Gesprächsrunde, war aber nicht der einzige Programmpunkt. Nach einer Begrüßung durch Michaela Kauer-Franz, die nicht nur als Moderatorin, sondern auch UX-Expertin gelungen durch den Abend führte, folgte ein fesselnder Vortrag von Prof. Dr. Ralph Bruder: „Usability und Digitalisierung“. Bruder ist Vizepräsident der Technischen Universität und Leiter des Instituts für Arbeitswissenschaft. Anhand verschiedener Beispiele gab er dem Publikum einen Einblick in die Möglichkeiten und die Grenzen von künstlicher Intelligenz in Mensch-Maschine Interaktionen: Roboter in der Dienstleistung, autonomes Fahren, unterstützende Systeme in der Medizin. Und vor allem verdeutlichte er an dem Abend die Notwendigkeit von Usability und einem daran gekoppelten Umdenken in der Entwicklung. Bisher laufe die Gestaltung von Mensch-Maschine Beziehungen so ab, dass man erst die Machbarkeit prüfe, dann die Sicherheit, gefolgt von der Wirtschaftlichkeit und zum Schluss prüfe man, ob auch eine Akzeptanz besteht: wer kann es gebrauchen, wo hat es einen Nutzen? Weiterhin entstehe Akzeptanz auch durch Benutzerfreundlichkeit, soziale Normen, Sicherheit, Vertrauen oder das Nutzererlebnis. Es gebe so viel Technik ohne Anwendungsbeispiele und „was soll man eigentlich damit machen?“ Deshalb sei es laut Bruder erforderlich, sich zuerst auf die Akzeptanz einer Mensch-Maschine Beziehung zu fokussieren und sich erst dann allen anderen Punkten zu widmen. Dabei müsse man auch beachten, dass die Akzeptanz je nach Kulturmodell aber auch je nach Anwendungsbereich unterschiedlich ausfallen kann. Schließlich sei z.B. in Deutschland die Sicherheit sehr wichtig, während in den USA wirtschaftlicher gedacht wird und die Nützlichkeit eher über der Sicherheit stehen kann. Und für die Sicherstellung der Akzeptanz seien Ansätze der Usability und User Experience von großer Bedeutung.

 

 

 

 Was hat Fischzucht eigentlich mit Usability zu tun?

Sehr passend zu den durch Herr Bruder eingeleiteten Aspekten, folgte ein Vortrag von Eric Nürnberger, der als Gründer einer Fischzucht an einem live Beispiel zeigen konnte, wie man das mit der Anwendbarkeit und der Usability eben macht. Auch wenn er sagte „als Frau Kauer-Franz mir etwas von Usability erzählte, habe ich ganz ehrlich geantwortet: Usability? Das muss ich jetzt erstmal googlen.“ Aber unbewusst hat er in dem Aufbau seiner Prozesse eines hochkomplexen digitalen Systems Usability-Methoden angewandt und so eine effiziente Fischzucht möglich gemacht. Er habe von Beginn an seine Mitarbeiter miteinbezogen und gemeinsam mit ihnen die Aquakulturanlage entwickelt und nach Lösungen gesucht. So hat Fischmaster IP Services ein digitales System erschaffen, was sich an den Bedürfnissen seiner Mitarbeiter und der Anwendbarkeit orientiert. „Wir haben geschaut, welche Lösung brauchen wir? (..) erst am Ende kam die Technik mit dem Design dazu“, berichtete Nürnberger. Die erbaute Anlage sei komplett digital und liefere jede einzelne Info über jeden Fisch. Denn das sei alles notwendig, um die komplizierte Zanderzucht effizient zu führen: „Sie glauben gar nicht wie viele Arten es gibt, Fische umzubringen“, berichtete Nürnberger neben den Höhepunkten auch über Tiefpunkte und Schwierigkeiten. Und solch ein komplexes System muss schließlich dennoch gut bedienbar sein: „Drücken Sie mal einem Gärtner ein Tablet in die Hand“, witzelte er dabei.

Weiterhin gab er somit ein prädestiniertes Beispiel dafür, dass Usability nicht nur etwas für die Großen ist. Denn angefangen hat der IT-ler im eigenen Heim, wobei auch der Gemüsegarten seiner Frau für zwei Fertig-Garagen weichen musste. So machte er nicht nur sein Hobby zum Beruf, sondern konnte auch seinem Wunsch, nachhaltig zu wirtschaften, nachgehen. Mit seinem Ansatz „Geht nicht, gibt’s nicht“ entwickelte er auch den Food & Energy Campus mit einem digitalen Zyklus der Fischzucht und des Pflanzenanbaus. Ein geschlossener Kreislauf, bei dem keinerlei Abfälle entstehen.

In einem kurzen Interview in der Pause bringt Herr Nürnberger auch als Besucher seine Begeisterung für das Thema zum Ausdruck. Auf die Frage, was er vom WUD hält, antwortete er: „Ich find‘ das super klasse. Ich wusste gar nicht, dass es sowas gibt. Auch den Vortrag von Herr Bruder fand ich mega spannend.“ Weiterhin verriet er, dass noch so viel möglich sei und er noch so viele Ideen habe. Wir dürfen also gespannt sein, was er in den nächsten Jahren noch so entwickelt. Und das mit seiner Prämisse: „Wir versuchen Prozesse mit der Digitalisierung benutzerfreundlich zu integrieren.“

Auch wenn das Thema auf den ersten Blick etwas ungewöhnlich für einen World Usability Day scheinen mag, konnte Herr Nürnberger doch mit seiner witzigen Art die Zuhörer für sich gewinnen. „Der zweite Vortrag war sehr erfrischend und beschreibt super, wo Usability anfängt“, sagte Alexander John, Mitglied der Fachgruppe. So zeigte der Vortrag in welche Bereiche Usability überall hineinreichen kann und wie viele verschiedene Zugänge es dazu gibt.

 

„Wenn es irgendwelche Probleme bei der Nutzung gibt, sind die Spieler weg“

Mit Gesprächspartnern aus unterschiedlichen Branchen und branchenübergreifenden Experten, lieferte auch die Podiumsdiskussion Einblicke in verschiedene Anwendungsbereiche von Usability. Die unterschiedlichen Motivationen für Usability, die verschiedenen Zielgruppen sowie die Anwendbarkeit von Produkten, stellten die Kernthemen der Diskussionsrunde dar.

So berichtete Beispielsweise Thomas Pfeiffer, Game UX Designer bei flaregames GmbH, weshalb in der Spielebranche Usability ganz besonders wichtig sei: „Wir verdienen dann erst Geld, wenn wir Spieler lange binden. Und wenn es irgendwelche Probleme bei der Nutzung gibt, sind die Spieler weg.“ Aus diesem Grund führt Herr Pfeiffer Nutzertests durch und bezieht die Spieler in iterativen Prozessen mit ein. Eine Methode ist, dass dazu beispielsweise erst Daten getrackt und ausgewertet werden. Und wenn er dabei erkennt, dass ein bestimmtes Feature nie verwendet wird, können speziell darauf ausgelegte Nutzertests zeigen, woran das liegen könnte. Stellen Sie sich also vor, Sie haben einen Zauberer als Charakter in einem Spiel, verwenden aber seinen Feuerball nie. Liegt es daran, dass Sie die Funktion nicht kennen, nicht bedienen können oder ihnen das Ergebnis kein Profit bringt?

„Der Nutzer muss grundlegend integriert sein und er muss von Anfang an miteinbezogen werden“ findet auch David Kelm, Geschäftsführer bei IT-Seals GmbH.  Das Start-up entwickelte eine Software, die Cyber-Attacken simuliert, und unterstützt Unternehmen dabei, sich auf die Gefahren im Netz vorzubereiten. Kelm erklärt, dass Usability und Sicherheit voneinander abhängig sind: „Es baut aufeinander auf und das eine braucht das andere.“  Denn es gebe schließlich viele Möglichkeiten, Sicherheitseinstellungen vorzunehmen, aber der Nutzer könne diese nur vornehmen, wenn er weiß wie und es auch versteht. Während IT-Seals der Usability bereits sehr viel Beachtung schenkt, berichtet Thomas Niemann von seinen Erfahrungen mit anderen Gründern: Diese hätten oft so viele Ideen, dass sie eine eierlegende Wollmilchsau liefern wollten, die teilweise aber keine Anwender finde.

Die Teilnehmer der Runde sind sich einig, dass unterschiedliche Methoden und Herangehensweisen nicht nur aufgrund der Branchendifferenzen notwendig sind, sondern auch aufgrund individueller Zielgruppen. Mit den treffenden Worten „Unsere Firma heißt nicht umsonst Custom Interactions“, erklärte Benjamin Franz, dass man als Usability Experte auf die unterschiedlichen Bedürfnisse seiner Kunden und deren Zielgruppen eingehen und Herangehensweisen sehr individuell zuschneiden müsse. Auch wenn dabei aus einem Methodenpool geschöpft wird, könne man die Methoden mit kleinen Veränderungen an unterschiedliche Zielgruppen anpassen.

Gegen Ende der Diskussionsrunde betonte Herr Niemann, wie bedeutend digitale Designer in der Usability sind, um die Funktionalitäten darzustellen. Herr Pfeiffer und Herr Franz sind sich aus eigenen Erfahrungen auch einig, wie wichtig es ist, die Designer miteinzubeziehen. Sie sollten zum Beispiel Usability Tests live oder im Nachgang beobachten, um zu sehen, wie der Nutzer mit dem Produkt interagiert. „Wenn Designer die Videos von Nutzertests sehen, glauben sie es erst, dass ein Nutzer zum Beispiel etwas nicht versteht“, berichtet Pfeiffer.

Von der Theorie in die Köpfe der Unternehmer

Zum Abschluss des offiziellen Teils stellte Michaela Kauer-Franz noch die Fachgruppe „Usability und User Experience“ von IT for Work e.V. vor. Sie lieferte Denkanstöße zu zukünftigen Herausforderungen in der Gestaltung durch Digitalisierung und sagte zur Zielsetzung der Fachgruppe: „Wir möchten das Thema einfach verständlich aufbereiten und dazu beitragen, dass es eine breite Akzeptanz findet“. Darüber hinaus lud sie auch zu den Treffen der Fachgruppe ein, die im 2-monatigen Rhythmus stattfinden und an denen jeder, der interessiert ist, teilnehmen darf.

Neben den Rednern lieferten noch weitere Akteure Input: „Preality“ ermöglicht es mit Augmented Design, 3D Modelle in Realumgebung darzustellen. An dem Abend brachten Sie auch Beispiel-Modelle sowie eine VR-Brille mit. „Die Technologie bildet einen Anknüpfungspunkt zwischen der digitalen und der realen Welt“, erklärt Daniel Schulz. Und eine Realdarstellung von Modellen während der Entwicklung, kann schließlich auch die Usability des Endprodukts verbessern. Zum WUD sagte er, er sei froh, dass es an dem Abend mal um den Kern der Sache ging: „Die Anwendbarkeit. Das heißt, es geht endlich zu konkreten Schritten.“

IT for Work e.V. stellte sich ebenfalls vor, präsentierte diverse Usability Methoden und beantwortete Fragen interessierter Besucher. Diese konnten auch mal selbst eine Eyetracking Brille ausprobieren und somit die Methodik live erleben.

Passend zum Thema Usability, bei dem schließlich die Bedürfnisse der Nutzer im Mittelpunkt stehen, hatte jeder Besucher die Möglichkeit, auf ein Post-it zu schreiben, welches Thema er sich für den nächsten WUD wünscht. So möchte die Fachgruppe auch auf die Wünsche und Bedürfnisse der Gäste eingehen und dies beim nächsten Mal umsetzen.

Einige weitere Eindrücke und Aussagen zum WUD:

„Die Resonanz ist erfreulich hoch. Es zeigt, Usability kommt an“, sagte Jens Liebau, Mitglied der Fachgruppe.

„Wir müssen das Thema so übersetzen, dass es in die Köpfe der Unternehmer geht. Ich finde es gut, dass es aufgegriffen wird“, freut sich Maren Brühl-Standfest. Aus eigenen Erfahrungen weiß sie: „Man redet sich den Mund fusselig und es ist schwer zu erklären.“ Dabei sei es so wichtig, da die Benutzung von Produkten dann auch Spaß machen kann und gute Usability auch ein Gefühl von Sicherheit gebe.

„Ich finde die Veranstaltung sehr gut. Und es ist auch ein sehr interessiertes Publikum“, kommentierte Thomas Pfeiffer. Die Podiumsdiskussion habe ihm Spaß gemacht und sei sehr spannend gewesen.

Insgesamt sind wir sehr froh, über den gelungenen Abend und den regen Austausch im Nachgang und möchten uns bei allen Rednern und Gästen für die Zeit und die Unterstützung bedanken. Wir freuen uns schon auf den nächsten WUD.

 

Bericht von: Michèle Lauer

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