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Was genau ist eine „Nutzungskontextanalyse“?

von | 24. Jun 2022

Ihnen ist das Konzept der „Nutzungskontextanalyse“ vielleicht schon öfter über den Weg gelaufen und jetzt möchten Sie wissen, was es genau damit auf sich hat? Wie definiert sich der Begriff? Welche Methoden gibt es? Was ist das genaue Vorgehen und wie sieht der Ablauf aus? Warum ist eine Nutzungskontextanalyse so wichtig für das eigene Produkt und wie können Sie sicherstellen, diese auch möglichst gewinnbringend und effizient in den eigenen Entwicklungsprozess einzubinden? Und warum genau kann man hier Darth Vader und einen Frosch als Beispiel für die Wichtigkeit der Nutzungskontextanalyse heranziehen?

Wenn eine oder mehrere dieser Fragen Sie interessieren, dann sind Sie in diesem Artikel genau richtig. Wir klären hier, was genau eine Nutzungskontextanalyse ist und bieten Ihnen einen interessanten Einstieg in das spannende Thema.  

 

Definition „Nutzungskontextanalyse“:

Um eine Nutzungskontextanalyse zu definieren, müssen wir uns zuerst anschauen, wie der Nutzungskontext definiert wird. Hier liefert die DIN EN ISO 9241-210:2011-01 Aufschluss. Sie ist Teil der Normenreihe „Ergonomie der Mensch-System-Interaktion“ und liefert folgende Begriffsdefinition:

„Kombination von Benutzern, Zielen, Aufgaben, Ressourcen und Umgebung.“ Ergänzend wird definiert: „Die „Umgebung“ in einem Nutzungskontext umfasst die technische, physikalische, soziale, kulturelle und organisationsbezogene Umgebung“.

Entsprechend ist eine Nutzungskontextanalyse die Zergliederung der Verwendung eines Produkts, Systems oder einer Dienstleistung in die unterschiedlichen Bestandteile aus Nutzer, Aufgaben, Ausstattung (Hardware, Software und Materialien) und physischer und sozialer Umgebung, in der das Produkt, System oder die Dienstleistung genutzt wird.

 

Die Ziele der Nutzungskontextanalyse:

Eine Nutzungskontextanalyse geschieht mit dem Ziel, die folgenden Fragen zu beantworten:

  • Was macht der Nutzer? Hier geht es um ein tiefes Verständnis der Aufgabe, die der Nutzer ausführt.
  • Was benötigt er dafür? Hier wollen Sie ein Verständnis des Informations- und Materialbedürfnisses des Nutzers bekommen.
  • Wie macht er das? Wie oft macht er das? Wie lange macht er das? Mit der Klärung dieser Fragen bauen Sie ein tiefes Verständnis des inhaltlichen Ablaufs der Nutzeraufgabe auf.
  • Wann macht er das? Hier geht es um das Verständnis des zeitlichen Ablaufs.
  • Wo macht er das? Hier bauen Sie ein Verständnis über die räumlichen Gegebenheiten
  • Warum macht er das? Diese Frage ist besonders wichtig, um ein Verständnis über die Motivationen und Bedürfnisse des Nutzers zu bekommen.

 

Warum ist eine Nutzungskontextanalyse so wichtig für Ihr Produkt?

Wir sind uns sicher, dass eine gelungene Produktgestaltung immer beim Verständnis des Nutzers startet. Hier ist die Nutzungskontextanalyse ein wichtiger Schritt, um die Nutzerbedürfnisse in die Tiefe zu verstehen.

Ein Produkt oder eine Dienstleistung ist immer die Lösung eines Problems. Die Nutzungskontextanalyse hilft Ihnen, das Problem tiefgreifend zu verstehen, die Bedürfnisse der Nutzer herauszufinden und einen bestmöglichen und von den Nutzern akzeptierten Lösungsansatz zu entwickeln.

 

In einem Kontext erwünscht, im anderen unpassend

Zudem kann ein Produkt mehrere Nutzungskontexte und mehrere Nutzergruppen haben. Hier ist es wichtig, alle Kontexte zu kennen, um das Produkt auch auf alle abzustimmen. So kann ein Gerät in einem Kontext sehr gut funktionieren, in einem anderen aber komplett unpraktikabel sein. Mit dem aufgebauten Wissen durch die Nutzungskontextanalyse können Sie Ihr Produkt auf alle Situationen und Nutzergruppen abgestimmt entwerfen.

Stellen Sie sich eine Person vor, die im privaten Kontext lustige Klingeltöne auf dem Smartphone verwendet und damit viel Spaß hat. Eine Nachricht löst beispielsweise ein Froschquaken aus – und ein Anruf spielt den epischen Imperial March aus Star Wars (Sie wissen schon, das ist die Melodie, die immer kommt, wenn Darth Vader auf den Bildschirm kommt, – aber ich schweife ab).

Stellen Sie sich weiterhin vor, dass die gleiche Person nun im Arbeitskontext in einem Meeting sitzt. Hier kann man sich gut vorstellen, dass das Smartphone auf keinen Fall quaken darf. Was hat sich geändert? Der Nutzer ist gleich und das Gerät ist gleich. Trotzdem löst das Smartphone im einen Kontext Freude aus und im anderen ist es peinlich. Ich habe die Lösung schon vorweggenommen: Der Kontext ist ein anderer. Und genau deshalb ist es so wichtig, den Nutzungskontext zu kennen, um das richtige User Interface zu gestalten.

Zur Nutzungskontextanalyse gehört auch, dass Sie ein Verständnis über die für den jeweiligen Einsatzumfeld geltenden Normen und Gesetze aufbauen. Entwickeln Sie für die Automobilbranche, gibt es hier beispielsweise ganz eigene normative Anforderungen an Produkte, die in anderen Bereichen nicht gelten müssen. Je besser Sie den Nutzungskontext kennen, desto besser können Sie diese normativen Anforderungen in die Produktentwicklung integrieren.

Die oft vernachlässigte Frage „Welche Lösungsansätze wurden denn bislang ausprobiert und warum haben diese nicht funktioniert?“ birgt enormes Potenzial für Ihre Produktentwicklung. Heißt: Sie erfahren in der Nutzungskontextanalyse auch, was Sie bereits als Lösungsansätze ausschließen können. So vermeiden Sie, dass Sie ein Produkt entwerfen, dass auf die Ablehnung der Nutzer trifft.

 

Welche Methoden gibt es?

Um eine erfolgreiche Nutzungskontextanalyse durchzuführen, sind einige Methoden denkbar. Die richtige Methode ist entscheidend für den Erfolg Ihrer Analyse. In der Praxis kommt es oft auch zu einem Methodenmix. Wir möchten Ihnen im Folgenden die aus unserer Sicht wichtigsten vorstellen.

(Feld)Beobachtung:

Bei der Feldbeobachtung werden Nutzer in ihrem echten (Arbeits-)Umfeld bei der Ausführung der Tätigkeit beobachtet und befragt. Die Feldbeobachtung dient dazu, die Aufgaben, die Umgebung und alle äußeren Faktoren der Nutzungsumgebung kennenzulernen.

Interview:

Sie wollen an allen interessanten Stellen nachhaken und tiefere Einsichten gewinnen? Sehr gut! In qualitativen Interviews erfahren Sie ungemein wichtige Einsichten in die Bedürfnisse und Wünsche der eigenen Nutzer. Für die eigene Produktentwicklung kann die Antwort auf die Frage „Warum haben Sie diesen Arbeitsschritt genau so ausgeführt, wie Sie es getan haben?“ Gold wert sein.

Ein Interview hilft Ihnen also, die Zusammenhänge und die Bedürfnisse und Wünsche des Nutzers besser zu verstehen und diese gegebenenfalls überhaupt erst zu erfahren.

Contextual Inquiry:

Und was passiert, wenn man die Feldbeobachtung und das Interview verheiratet? Sie haben es sich schon gedacht: Es entsteht eine Mischmethode, namentlich Contextual Inquiry.

Der Beobachter nimmt hierbei aktiv am Geschehen teil, da er mit dem Nutzer interagiert und immer wieder an interessanten Punkten mit Fragen einhakt. Heraus kommt das Beste beider Welten: Das Kennenlernen der äußeren Faktoren der Nutzungsumgebung durch die Feldbeobachtung und die qualitativen Einsichten über die Nutzer durch den Interviewteil.

Task Analyse:

Die Task Analyse wird oft auch Ablaufanalyse genannt. Hier wird die Tätigkeit in einzelne Schritte heruntergebrochen. Der daraus erschlossene Ablauf samt aller benötigter Inputs und generierten Outputs wird dann dokumentiert. Dabei werden hier keine neuen Daten erhoben. Es handelt sich hier vielmehr um eine Art der Datenaufbereitung, die es ermöglicht, zu erfahren, welche Features ein Nutzer wirklich braucht, um seine Aufgabe effizient und effektiv zu erledigen.

Fokusgruppe:

Eine Fokusgruppe ist eine moderierte Gruppenbefragung zu Ihrem Produkt. Sozusagen das Speeddating zwischen Nutzern und Ihrem Produkt. Erfragt werden:

  • Subjektive Meinungen zum Produkt.
  • Subjektive Wünsche und Bedürfnisse bezüglich des Produkts.

An dieser Stelle möchten wir Ihnen unseren Methodenassistenten ans Herz legen. Hier können Sie mit ein paar Fragen die bestmöglichen Methoden für Ihr Vorhaben herausfinden.

 

Wie stellen Sie sicher, dass Sie eine Nutzungskontextanalyse möglichst gewinnbringend und effizient einsetzen?

Um auch möglichst effizient zu handeln, sollten Sie folgende Punkte in Ihre Vorbereitung integrieren:

  • Eine Stakeholderanalyse – wer ist alles von Ihrem Produkt direkt oder indirekt betroffen?
  • Die Sichtung bestehender Inputs – Was wissen Sie schon? Wo sind Ihnen bereits Wissenslücken bekannt?
  • Die Identifikation ungeklärter Fragen.
  • Die Wahl der richtigen Methoden. Auch ein Methodenmix ist denkbar und oft am effektivsten.
  • Stellen Sie sicher, dass Sie mit dem richtigen Mindset an die Analyse herangehen: Sie wollen lernen und Ihr Produkt verbessern.

Möglichst effektiv handeln Sie auch, wenn Sie die dokumentierten Daten und Erkenntnisse aus Ihrer Nutzungskontextanalyse ordnen. Die kritischsten und am häufigsten ausgeführten Tasks sollten zuerst im Fokus Ihrer Produktentwicklung stehen.

Um das meiste aus den Erkenntnissen Ihrer Nutzungskontextanalyse herauszuholen, sollten Sie Ihr Produkt auch weiter nutzerzentriert entwickeln. Deswegen ist die Nutzungskontextanalyse für uns erst der erste Schritt des Data Driven UX Design Prozesses. Für eine möglichst effiziente Entwicklung sollten Sie nun iterativ Ihr Produkt verbessern und immer wieder Nutzerfeedback dazu einholen.

Sie interessieren sich für den gesamten Data Driven Design Prozess? In unserem Artikel „Die Vor- und Nachteile von Data Driven UX Design“ können Sie sich einen ersten Eindruck über die Vor- und Nachteile verschaffen. Den Ablauf des Prozesses lernen Sie in unserem Artikel „Vom UX-Testing zum User Interface Design“ kennen.

 

Fazit

Die eigenen Nutzer(gruppen) zu verstehen ist essenziell für den Erfolg des eigenen Produkts. Die Nutzungskontextanalyse legt den Grundstein für dieses Nutzerverständnis. Im Idealfall folgt darauf eine iteratives und datenzentriertes Nutzertesten, um das eigene Produkt möglichst gut auf die Nutzerbedürfnisse zuzuschneiden. Zudem hilft es Ihnen, das Produkt auf den jeweiligen Kontext abzustimmen. Denken Sie noch einmal an Darth Vader oder den Frosch bei einem Ihrer Meetings.

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie? Wollen Sie Ihre Nutzer und deren Aufgaben besser kennenlernen?  Lassen Sie es uns wissen!  

Gerne können Sie unter diesem Beitrag kommentieren oder sich direkt bei uns über unser Kontaktformular melden. Wir freuen uns auf Sie!

Haben Sie weitere Themen rund um die Nutzungskontextanalyse, die Sie interessieren? Auch das können Sie uns gerne mitteilen. Wir freuen uns sehr über jede Inspiration.

 

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