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Die große Bedürfnisreihe Teil 4: Kompetenz


Psychologische Produktgestaltung – Was Produkte wirklich cool macht.

von | 02. Sep 2022

Welchen Stellenwert hat das Bedürfnis nach Kompetenz in unserem Leben? Welche Rolle spielt es bei der Nutzung bestimmter Produkte? Welche Beispiele gibt es für Produkte, die das Bedürfnis nach Kompetenz insgesamt oder in einzelnen Features in den Mittelpunkt der User Experience stellen? Welche konkreten Features gibt es, die das Bedürfnis nach Kompetenz befriedigen? 

In folgendem Artikel werden wir die obenstehenden Fragen beantworten und auch der Frage weiter auf den Grund gehen, die dieser Artikelreihe zugrunde liegt: „Was macht ein Produkt wirklich cool und begeisternd?“.

Wir erklären Ihnen an ganz konkreten Beispielen, wie die Einbindung des Nutzerbedürfnisses nach Kompetenzerlebnissen die User Experience Ihres Produkts erheblich verbessern kann.

 

Die große Bedürfnisreihe: Was wir bereits wissen

In unserem Einführungsartikel sind wir zu diesem Schluss gekommen: eine positive User Experience setzt sich zusammen aus einer guten Usability und positiven Emotionen bei der Nutzung. Diese positiven Emotionen werden in den Nutzern hervorgerufen, wenn eines Ihrer Bedürfnisse bei der Nutzung befriedigt wird.

Zudem haben wir eine Reihe an Bedürfnissen identifiziert, die für die Techniknutzung besonders relevant sind:

(nach Sarah Diefenbach: „Experience Design Tools – Ansätze zur Interaktionsgestaltung aus dem Blickwinkel psychologischer Bedürfnisse“)

In den vorherigen Artikeln haben wir uns bereits mit den Themen Verbundenheit und Sicherheit auseinandergesetzt. In diesem Artikel wollen wir uns das Bedürfnis nach Kompetenz einmal genauer anschauen und feststellen, wie Produkte es schaffen, dem Nutzer Kompetenzerlebnisse zu verschaffen. Starten wir mit einem allgemeinen Verständnis zum Bedürfnis Kompetenz.

 

Was ist das Kompetenzbedürfnis?

Edward L. Deci und Richard M. Ryan definieren in ihrer Selbstbestimmungstheorie der Motivation drei psychologische Bedürfnisse, die grundlegend für die menschliche Motivation sind: Autonomie, soziale Eingebundenheit und Kompetenz. In ihren Werken erkennen die beiden Psychologen, dass die Befriedigung dieser drei Bedürfnisse eine große Rolle für die intrinsische Motivation von Menschen spielt. Sprich: je autonomer, sozial eingebundener und kompetenter man sich fühlt, umso motivierter ist man. (source)

Wie aber äußert sich das Bedürfnis nach Kompetenz genau? Dafür sehen wir uns die Definition von Sarah Diefenbach an:

Kompetenz: Das Bedürfnis, sich Herausforderungen zu stellen und sie zu bewältigen. Hier spielt das Erleben von Erfolg und Selbstwirksamkeit eine Rolle.

(source: Sarah Diefenbach „Experience Design Tools – Ansätze zur Interaktionsgestaltung aus dem Blickwinkel psychologischer Bedürfnisse“)

Auf folgende Arten und Weisen kann sich das äußern:

  • Man schafft etwas Bestimmtes
  • Man lernt Neues lernen und schult die eigenen Fähigkeiten
  • Man präsentiert die eigenen Kompetenzen
  • Man sucht aktiv Herausforderungen und schafft diese
  • Man bekommt positive Rückmeldung für gut gemachte Arbeit
  • Man erreicht Ziele, die nicht viele erreichen
  • Man erlangt einen bestimmten Abschluss, ein Prüfungsergebnis, einen Notendurchschnitt etc.
  • Man spürt, dass man viele Lebensumstände eigenmächtig verbessern kann durch das eigene Handeln

 

Produkte, die Kompetenzerlebnisse fördern

Online-Learning-Portale sind Produkte, die darauf abzielen, die Kompetenzen der eigenen Nutzer zu steigern. Hier können Nutzer im eigenen Tempo lernen und oft über Videokurse sich zu verschiedensten Themen weiterbilden.

Ein Beispiel hierfür ist Masterclass. Bei Masterclass kann man sich von anerkannten Meistern des jeweiligen Fachs die Basics bestimmter herausfordernder Aufgaben beibringen lassen. Das Motto: „Learn from the most inspiring artists, leaders, and icons in the world”. Hier wird stark darauf geachtet, Menschen als Lehrer zu nehmen, die besonders kompetent, bekannt und erfolgreich in ihrem jeweiligen Gebiet sind, um diese Kompetenz gezielt an die eigene Nutzergruppe weiterzugeben. Ein Beispiel? Mariah Carey unterrichtet, die eigene Stimme als Instrument einzusetzen, während die Duffer Brüder (Schöpfer der weltweit gefeierten Serie „Stranger Things“) einen Videokurs darüber geben, wie man eine eigene TV-Serie erschafft und Gordan Ramsey (international bekannter Sterne-Koch) einem das Kochen beibringt.

Masterclass

(source: Screenshot Masterclass.com)

Auch Apps, die Workouts oder andere Fähigkeiten beibringen möchten, sind oft darauf abgezielt, die Nutzer in einem bestimmten Bereich (Sport, Meditation, Sprachen etc.) kompetenter zu machen. Entsprechend sind viele dieser Apps darauf ausgelegt, den Nutzern positive Signale zu senden, wenn Ziele erreicht wurden oder eine Übung erfolgreich umgesetzt wurde. Auch das „am Ball bleiben“ wird oft visuell oder durch motivierende Nachrichten und Statistiken belohnt. So zum Beispiel bei der Meditations-App Headspace. Hier zeigt eine Statistik wie weit man schon gekommen ist und welche Erfolge man erreicht hat.

 

Headspace_motivierende_Statistiken

(source: Screenshot Headspace App)

Manchmal kann auch die Teilnahme an etwas zeigen, dass man zu den Besten der Besten gehört. Im internationalen Fußballgeschäft kommen nur die erfolgreichsten Mannschaften der weltweit besten Ligen in die Champions-League, um sich dort zu beweisen. Allein die Teilnahme beweist Kompetenz.

Ein Beispiel hierfür wären die Top-Freelancer auf Fiverr. Fiverr ist eine Plattform, auf der Freelancer sich präsentieren können, um Kunden zu finden. Die Redaktion von Fiverr stellt auf ihrer Startseite einen Link zu den kompetentesten Freelancern (basierend auf den Bewertungen der Kunden und eigenen Auswahlkriterien). Befindet sich ein Freelancer in dieser Kategorie, beweist das seine Kompetenz.

 

Fiverr_Kompetenz

(source: Screenshot Fiverr.com)

 

Konkrete Features – Beispiel 1: Kompetenzen darstellen auf LinkedIn 

Neben dem Bedürfnis nach Verbundenheit und der Möglichkeit, sich zu vernetzen, setzt LinkedIn vor allem darauf, den Nutzern zu ermöglichen, dieses Vernetzen durch einen Abgleich von Kompetenzen zu erleichtern. Sie können Ihre eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen angeben und diese dann auch von anderen Nutzern bestätigen lassen. Mit dieser Bestätigung wird direkt ein Trust-Merkmal geschaffen. Zudem können Sie auf LinkedIn durch kurze Multiple-Choice-Tests Ihre Kompetenzen auf einem gewissen Gebiet unter Beweis stellen und das Ergebnis dann mit Ihrem Netzwerk teilen.

 

LinkedIn_Kompetenz_Test

(source: Screenshot Linkedin.com)

Zudem können Sie über LinkedIn Empfehlungen schreiben und somit die Kompetenz anderer Nutzer bestätigen. Haben Sie beispielsweise eine Person als Ansprechpartner für eine Dienstleistung gefunden und möchten diesen als besonders kompetent in seinem Fach kennzeichnen, können Sie dies mit einer Empfehlung tun. Natürlich können Sie auch andere Nutzer bitten, Ihnen eine solche Empfehlung für einen bestimmten Bereich zu verfassen.

 

LinkedIn_Kompetenzenbestätigungen

Konkrete Features – Beispiel 2: Trophäen, Medaillen und Auszeichnungen

Ein Feature, das nicht nur viele Videospiele für sich entdeckt haben, ist die Möglichkeit, öffentlich einsehbare Belohnungssysteme einzuführen. Für bestimmte gemeisterte Aufgaben gibt es hier virtuelle Trophäen, die zeigen, dass man eine bestimmte Herausforderung gemeistert und so Kompetenz in einem Gebiet bewiesen hat.

Die Anforderungen an die eigene spielerische Kompetenz wächst mit den Aufgaben für die jeweilige Stufe: Bronzetrophäen sind weitaus einfacher zu sammeln als Platin-Trophäen. Die Symbolik von Bronze, Silber, Gold und Platin ist gemeinhin bekannt und strahlt verschiedene Stufen von Kompetenz aus. Die verschiedenen Trophäen sehen Sie hier abgebildet.

Die folgenden Trophäen kann man auf der Sony PlayStation erspielen. Dafür muss man in diversen Videospielen festgelegte Aufgaben meistern oder bestimmte Spielabschnitte erfolgreich abschließen. Bronze-Trophäen gibt es für gewöhnliche und leicht zu meisternde Aufgaben, Silber- und Gold-Trophäen erhält man, wenn man komplexere und schwierigere Aufgaben in Spielen gelöst hat. Die Platin-Trophäe oben links zeigt hohe Kompetenz und hohes Können, denn diese erhalten Spieler nur, wenn sie alle verfügbaren anderen Trophäen in einem Spiel bekommen haben.

 

Playstation trophy

(source: Screenshot Ebay)

Medaillen im Sport sind ebenfalls Zeichen dafür, dass man in seiner Sportart Kompetenz bewiesen hat. Status spielt hier natürlich auch eine Rolle, wenn es darum geht, der Beste der Besten sein zu wollen und das auch zeigen zu können.

Sowohl im Sport als auch bei kompetitiven Videospielen gibt es Ligen und Ränge-Systeme. So zeigt allein schon die Teilnahme an einer bestimmten Liga oder ein bestimmter Rang, dass man auf dem Gebiet besonders kompetent ist.

Die Ränge des Videospiels „Rocket League“ sind weiter unten abgebildet. Jedes Icon steht für einen bestimmten Rang. Die oberen Icons sind entsprechend Prestige-trächtig. Wer das Spiel spielt, erkennt sofort die Bedeutung der Symbole und kann so auf die Kompetenz des Spielers schließen.

Bei vielen Auszeichnungen herrscht ein allgemeines Verständnis darüber, was es zu leisten gilt und welche Kompetenzen notwendig sind, um sie zu erreichen. Die Teilnehmerurkunde der Bundesjugendspiele wird beispielsweise anders bewertet als die Teilnahme an der Champions League.

 

Fazit

Von der Darstellung der eigenen Fähigkeiten auf Plattformen bis zur Möglichkeit, die eigenen Kompetenzen durch Lernangebote zu verbessern, gibt es sehr viele Möglichkeiten, das Nutzerbedürfnis nach Kompetenz zu befriedigen und für eine bessere User Experience in die eigene Produktgestaltung einzubinden.

Hat Ihr Produkt Features, die das Bedürfnis nach Kompetenz befriedigen? Lassen Sie es uns in den Kommentaren wissen.

Sie haben Fragen zur Einbindung der Nutzerbedürfnisse in Ihrem speziellen Fall? Gerne können Sie sich über unser Kontaktformular melden und ein kostenloses Kennenlerngespräch mit uns vereinbaren.

Wir freuen uns sehr auf Ihre Rückmeldung!

 

Bleiben Sie dabei! – Unsere Bedürfnisreihe

Wir würden uns freuen, wenn Ihnen unsere Beiträge gefallen und Sie auch beim nächsten Mal zum Thema „Bedeutsamkeit“ wieder mitlesen. Hier finden Sie unsere Übersicht über die bereits erschienenen und die kommenden Artikel der Reihe:

Teil 1: Einführung

Teil 2: Verbundenheit

Teil 3: Sicherheit

Teil 4: Kompetenz

Teil 5: Popularität

Teil 6: Stimulation

Teil 7: Autonomie

Teil 8: Bedeutsamkeit

Teil 9: Psychologische Produktentwicklung in die eigene Entwicklungspraxis integrieren – Wie geht es richtig? (Hier finden Sie auch unsere praktischen Bedürfniskarten)

 

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