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Die große Bedürfnisreihe Teil 5: Popularität


Psychologische Produktgestaltung – Was Produkte wirklich cool macht.

von | 15. Sep 2022

Was genau ist das Bedürfnis nach Popularität? Wie äußert es sich in Menschen? Wie kann es in das eigene Produkt eingebunden werden? Welche Beispiele für die erfolgreiche Einbindung des Popularitätsbedürfnisses gibt es?

Diese Fragen wollen wir in diesem Artikel klären, um weiter unsere Kernfrage dieser Reihe zu beantworten: „Was macht ein Produkt wirklich cool und begeisternd?“.

Dabei schauen wir uns Produkte an, die das Bedürfnis nach Popularität in den Mittelpunkt des eigenen Produktdesigns gestellt haben, aber auch einzelne Features anderer Produkte, die ganz gezielt das Popularitätsbedürfnis befriedigen. So bekommen Sie erste Ideen und Anhaltspunkte, wie man durch psychologische Produktgestaltung gezielt die User Experience des eigenen Produkts verbessern kann.

 

Die große Bedürfnisreihe: ein kurzer Rückblick

In unserem Einführungsartikel haben wir festgestellt, dass eine positive User Experience zu einem großen Teil aus positiven Emotionen bei der Nutzung entsteht. Diese positiven Emotionen können gezielt in Nutzern hervorgerufen werden, indem Nutzerbedürfnisse befriedigt werden. Um dies zu erreichen, muss man sich der Bedürfnisse bewusst werden und herausfinden, wie man diese gezielt in das eigene Produktdesign einbinden kann.

Bislang haben wir folgende Bedürfnisse identifiziert, die besonders bei der Techniknutzung relevant sind:

(nach Sarah Diefenbach: „Experience Design Tools – Ansätze zur Interaktionsgestaltung aus dem Blickwinkel psychologischer Bedürfnisse“)

Wir haben uns in den vorherigen Artikeln die Bedürfnisse Verbundenheit, Sicherheit und Kompetenz angesehen. In diesem Artikel schauen wir uns das Bedürfnis nach Popularität genauer an und finden heraus, wie genau in Nutzern ein Gefühl von Popularität während der Nutzung entstehen kann.

 

Was ist das Popularitätsbedürfnis?

Um diese Frage zu beantworten, sehen wir uns die Definition von Sarah Diefenbach an:

Popularität: Das Bedürfnis, bei anderen Anerkennung zu finden, jemand zu sein, den andere interessant finden oder dem andere nacheifern. Eine Rolle spielen hier Ruhm und Verantwortung, aber auch Macht und Einfluss.

(source: Sarah Diefenbach „Experience Design Tools – Ansätze zur Interaktionsgestaltung aus dem Blickwinkel psychologischer Bedürfnisse“)

Es geht also nicht nur darum, sich bekannt und gemocht zu fühlen, es geht vor allem darum:

  • Anerkennung zu erfahren
  • Die eigene Meinung geschätzt zu wissen
  • Von anderen als eine interessante Person gesehen zu werden
  • Ein Vorbild zu sein
  • Eine wichtige Rolle zu spielen
  • Ruhm zu erfahren
  • Verantwortung zu haben und dadurch wichtig zu sein
  • Macht zu haben
  • Einfluss zu haben

 

Wachstumsbedürfnis Popularität

Schaut man sich die Hierarchie der Bedürfnisse nach Maslow an, erkennt man, dass Popularität zu den Wachstumsbedürfnissen zählt. Wachstumsbedürfnisse sind keine Defizitbedürfnisse wie Nahrung, Sauerstoff oder Sicherheit. Diese müssen immer gänzlich erfüllt sein, sonst kommt es zu gesundheitlichen Schäden. Wachstumsbedürfnisse hingegen sind individuell und nie vollständig erfüllbar. Die Dringlichkeit des Popularitätsbedürfnisses ist also ein andere als beispielsweise die des Sicherheitsbedürfnisses.

Die Bedürfnispyramide nach Maslow

Nichtsdestotrotz nimmt das Bedürfnis nach Popularität in unserem beruflichen und privaten Alltag eine große Rolle ein. Wir wollen Anerkennung für unsere Arbeit, für unsere Meinungen und streben, wenn wir uns vernetzen (online wie offline) oft danach interessant zu wirken und unsere Meinung bestätigt zu wissen.

Oft streben wir nach Einfluss oder sogar Macht und sehen beides als große Erfolgsfaktoren an. Popularität kommt häufig mit einem gewissen Status und dieser hohe Status wiederum bietet uns die Aussicht auf Sicherheit. Wer Macht und Einfluss hat und dessen Meinungen populär und anerkannt sind, der muss sich weitaus weniger Sorgen um die (finanzielle) Absicherung der eigenen Zukunft machen. Denn wer Einfluss und Macht hat, kann die eigene Umgebung mitgestalten (und das dann zum eigenen Nutzen).

Das Bedürfnis nach Popularität ist also weitaus mehr, als das Verlangen gesehen zu werden und Bekanntheit zu erlangen. Schauen wir uns doch einmal Produkte (und deren Features) an, die gezielt das Popularitätsbedürfnis der eigenen Nutzer befriedigen.

 

Beispiel 1: Social Media Plattformen

Soziale Netzwerke stellen neben dem Bedürfnis nach Verbundenheit auch das Bedürfnis nach Popularität in den Mittelpunkt des Produktdesigns. Follower zu haben und sich einen Kreis aus Followern aufzubauen, ist hier ein essenzieller Teil des Nutzungserlebnisses. Entsprechend steigt mit dem Kreis der Personen, die einem Profil folgen, natürlich auch die Reichweite der Posts dieses Profils und somit auch die Chance, auf Nutzer zu treffen, die Anerkennung für die jeweils geteilte Meinung zeigen. Man kann hier also in Likes und Shares „messen“, wie populär ein Bild, eine Meinung oder anderer Content ist.

Likebuttons: Likebuttons auf Social Media geben die Möglichkeit, Zustimmung oder Unterstützung zu den Inhalten eines Beitrages zu zeigen. Bekommt man Likes von anderen populären Personen oder eben eine Vielzahl an Likes, ist das eine enorme Befriedigung des Popularitätsbedürfnisses. Zudem gibt es, wenn ein Beitrag viele Likes hat, einen selbstverstärkenden Effekt: Beiträge mit vielen Likes werden als interessanter wahrgenommen, während Beiträge mit wenigen Likes weniger Beachtung finden. (source: Spektrum.de)

Likebutton

(Beispiel für Likebuttons. Source: LinkedIn.com)

Follower: Das Feature, anderen Personen auf sozialen Netzwerken folgen zu können und vor allem selbst einen Kreis an Followern aufzubauen, befriedigt das Bedürfnis nach Popularität der Nutzer. Es wird als großer Erfolg gesehen, wenn der eigene Content „viral geht“ und möglichst viele Menschen erreicht. Aber auch ohne eine große Reichweite stellt sich das Gefühl ein, dass die eigene Meinung gehört, wahrgenommen und unter Umständen auch von anderen als interessant empfunden wird.

Follower

(Ein Beispiel für das Anzeigen der Anzahl der eigenen Follower. Source: LinkedIn.com)

Hashtags: Auch Hashtags ermöglichen es, die eigene Meinung oder den eigenen Content bekannter zu machen und so mehr Anerkennung dafür zu erreichen. So kann sehr gezielt die richtige Zielgruppe für einen Post erreicht werden.

 

Hashtag 1
Hashtag 2

(Beispiele für Hashtags. Source: LinkedIn.com)

Shares: Beiträge können auf fast allen Social Media Plattformen geteilt und somit dem eigenen Kreis an Kontakten zugänglich gemacht werden. Wird ein Beitrag geteilt, zeigt das oft, dass eine Person dem Inhalt zustimmt, ihn für wichtig hält und ihn somit auch anerkennt. Wer viele Shares auf seine Beiträge bekommt, wird ein Gefühl von Popularität bei der Nutzung der jeweiligen Social Media Plattform empfinden.

Kommentare und Shares

(Beispiel für die Möglichkeit zu kommentieren und Beiträge zu teilen. Source: LinkedIn.com)

Das Ermöglichen von Influencern und Trendsettern / Hervorheben von beliebtem Content: Bei LinkedIn beispielsweise bekommen Sie Content von Influencern vorgeschlagen, die Ihrem Berufsfeld oder Interessengebiet entsprechen. Die Möglichkeit, einer dieser Influencer zu sein, kann das Bedürfnis nach Popularität der Nutzer befriedigen. Wer sich hier mit seinen Beiträgen durchsetzt, hat eine gewisse Anerkennung sicher und kann (wie der Name schon sagt) eine Menge Einfluss auf andere ausüben. Die Person setzt Trends in Sachen Content, Meinung und auch oft in Sachen Stil und Habitus. Nutzer können hier richtige „Meinungsmacher“ werden und ganz gezielt Meinungen und Kaufentscheidungen beeinflussen.

Influencer

(Beispiele für Influencer. Source: LinkedIn.com)

Erwähnungen und Verlinkungen: Wer von anderen in Beiträgen erwähnt wird oder in diesen Beiträgen verlinkt wird, kann in vielen Fällen das Bedürfnis nach Popularität dadurch als befriedigt erfahren. Sehr häufig werden nämlich nur Menschen verlinkt und erwähnt, die selbst oder deren Meinung zu einem Thema als besonders interessant gelten oder großen Einfluss auf einem Gebiet haben.

 

Beispiel 2: Plattformen für Reviews

Manche Apps und Anwendungen bieten die Möglichkeit, Produkte oder Dienstleistungen zu bewerten und ein Review darüber zu schreiben. Oft ist das eine Mischung aus Social Media und Forum.

Letterboxd ist eine solche App. Hier können Filmliebhaber geschaute Filme mit Sternen bewerten, sich vor einem Film dessen Wertung anschauen, eine Art Backlog der bereits geschauten Filme führen und (das ist das Kernstück der App) Reviews zu Filmen selbst schreiben.

Diese Reviews können dann von anderen Nutzern geliked werden. So erfahren die Verfasser ein Gefühl der Anerkennung, wenn das eigene Review an Popularität gewinnt. Auch hier werden besonders beliebte Reviews fast der gesamten Community auf einer Startseite angezeigt und somit einem sehr großen Publikum zugänglich gemacht. Landet ein verfasstes Review auf dieser Startseite, befriedigt das ebenfalls das Popularitätsbedürfnis.

 

Letterboxd Review mit vielen Likes

(Ein Beispiel für ein Review mit vielen Likes. Source: Letterboxd)

Beispiel 3: Das Teilen von eigenen Customizations von Produkten

Auch Customization ist ein Mittel, um das Popularitätsbedürfnis bei der Produktnutzung zu befriedigen. Customization bei Produkten ist häufig sehr gefragt und eine coole Möglichkeit, ein wirklich einzigartiges und perfekt auf den Nutzer abgestimmtes Produkt zu erhalten. Ob eigens gestaltete Cases für den Gaming-PC, Schuhe mit frei gestaltbarem Muster oder Custom Sticker für das eigene Auto – Customization ist für viele Kunden sehr wichtig.

Einige Seiten oder Apps bieten die Möglichkeit, das eigene Design zu speichern und anderen Nutzern zugänglich zu machen. Manchmal gibt es die Möglichkeit, diese Designs mit anderen Nutzern zu teilen. Bekommt ein eigens erstelltes Design viele Likes und wird gegebenenfalls oft von anderen genau so gekauft, kann das das Popularitätsbedürfnis sehr befriedigen. Der eigene Stil und der eigene Geschmack finden hier Anerkennung von einer Gruppe an Nutzern.

Designs und eigene Kreationen auf Social Media teilen: Wer etwas Eigenes erschafft, fühlt sich oft stolz und entsprechend möchten manche die eigenen „Kreationen“ mit anderen teilen. Auch hier kann Zustimmung und das „Nachkaufen“ von eigens angepassten Produkten ein Popularitätsgefühl auslösen. Ein konkretes Beispiel hierfür liefert Pono Bowls, ein lokales Unternehmen aus Hessen. Hier kann man sich aus einer Basis, einer Soße und diversen Toppings eine eigene Bowl zusammenstellen und diese Zusammenstellung dann auf Social Media teilen. Kunden können hier die gespeicherten Bowls anderer Kunden bewerten und nachkaufen und sehen, welche die Beliebtesten sind.

Pono Bowl – teilbare Eigenkreation

(Beispiel für eine teilbare Eigenkreation. Source: PonoBowl)

Get the Look: Der Onlineshop von Zalando bietet die Möglichkeit, eigene Outfits zu speichern und diese dann zu teilen. Andere Kunden können dann das komplette Outfit kaufen. Diese „Looks“ werden dann in der App und auf der Startseite des Onlineshops präsentiert. Besonders beliebte Outfits sind hier natürlich noch sichtbarer angebracht. Die Möglichkeit, den eigenen Stil sichtbar zu machen, ermöglicht es Kunden, Trends zu setzen und Anerkennung für den eigenen Geschmack zu bekommen. Wird das eigene Outfit oft gekauft und auf der Startseite platziert, fühlt sich der Nutzer populär.

Zalando get the look
Zalando get the look 2

(Beispiele für ein „Get the look“ Feature. Source: Screenshot von Zalando.de)

Fazit

Nicht nur auf sozialen Netzwerken kann schnell ein Gefühl von Popularität für Nutzer entstehen. Oft geht es darum, die Meinung der Nutzer like- und teilbar zu machen, aber auch die Möglichkeit zu schaffen, mit eigenen Meinungen, Kreationen oder Content gesehen zu werden, um so mögliche Anerkennung zu bekommen.

Hat Ihr Produkt Features, die das Bedürfnis nach Popularität befriedigen? Lassen Sie es uns in den Kommentaren wissen.

Sie haben Fragen zur Einbindung der Nutzerbedürfnisse in Ihrem speziellen Fall? Gerne können Sie sich über unser Kontaktformular melden und ein kostenloses Kennenlerngespräch mit uns vereinbaren.

Wir freuen uns sehr auf Ihre Rückmeldung!

 

Bleiben Sie dabei! – Unsere Bedürfnisreihe

Wir würden uns freuen, wenn Ihnen unsere Beiträge gefallen und Sie auch beim nächsten Mal zum Thema „Bedeutsamkeit“ wieder mitlesen. Hier finden Sie unsere Übersicht über die bereits erschienenen und die kommenden Artikel der Reihe:

Teil 1: Einführung

Teil 2: Verbundenheit

Teil 3: Sicherheit

Teil 4: Kompetenz

Teil 5: Popularität

Teil 6: Stimulation

Teil 7: Autonomie

Teil 8: Bedeutsamkeit

Teil 9: Psychologische Produktentwicklung in die eigene Entwicklungspraxis integrieren – Wie geht es richtig? (Hier finden Sie auch unsere praktischen Bedürfniskarten)

 

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